Berlin Kastanienallee – eine Momentaufnahme

Die Kastanienallee verläuft zwischen der Danziger Straße und dem Zionskirchplatz und verbindet die Stadtbezirke Prenzlauerberg und Mitte. Historische Zeitabschnitte verbindet sie auch. Vor dem Mauerfall war sie ein Mittelpunkt eines Wohngebietes, hinter dessen grauen, von Krieg und Sozialismus angenagten Fassaden man Studierende, KünstlerInnen und regimeanzweifelnde Intellektuelle, Klein- und kinderreiche Familien, aber auch angestellte und informelle MitarbeiterInnen der Staatssicherheit antreffen konnte. Heute wird sie oft als „bunte trendige Meile“ bezeichnet, deren wachsende Konzentration an Restaurationen und Modeläden die einen als urban und lebendig, die anderen als ärgerliche Begleiterscheinung der Gentrifizierung erleben. Die Fassaden erstrahlen zu unterschiedlichen Graden, und soeben wächst vor dem Prater eine weitere Lücke mit der nächsten Wohn- und Geschäftsimmobilie zu. Wie so viele in der Gegend trägt diese das veredelnde Anhängsel „-höfe“ im Namen.

Einige Geschäfte aus Nachwendezeiten wie das Künstlermagazin und der Copyshop haben sich halten können; die InhaberInnen sind nach wie vor identisch mit den GründerInnen. Das genossenschaftliche Café Morgenrot und das illustre Schwarzsauer sind auch geblieben, aber vielleicht nicht ganz was sie waren. Auf Gehwegstreifen, die bislang von Straßenmobiliar verschont geblieben sind, ist es mit den Jahren weniger wahrscheinlich wenn auch nicht völlig unmöglich geworden, gelegentliche UreinwohnerInnen aus der Nachkriegs- und Vorwendezeit zwischen nach und nach anwurzelnden Neusiedlern und betriebsamen Besucherinnen zu erspähen.

Wer nur die heutige Erscheinung der Allee in höchsten Tönen preist, setzt sich leicht der Kritik der Oberflächlichkeit aus, und wer nur ihren verlorenen Charme beklagt, vergisst vielleicht, dass der Wandel auch nicht vor der Gegenwart Halt macht. Trotz mehrerer auf Verbesserung abzielender Maßnahmen unverändert schwierig erscheint vielen jedoch die Verkehrslage. Der vom Senat vorgesehene und im Januar 2014 abgeschlossene schrittweise Umbau der nördlichen 650 Meter der Kastanienallee war nicht unumstritten und rief eine Bürgerinitiative auf den Plan.

Inzwischen sind die Bürgersteige barrierefrei und breiter. Die Zahl parkender Autos wurde auf die Hälfte reduziert, und die der Fahrradparkplätze hat zugenommen. Das Ein- und Aussteigen an den Haltestellen der Straßenbahn hat sich nach allgemeinem Empfinden vereinfacht. Doch für die exponentiell wachsende Zahl von RadfahrerInnen ist die Situation trotz der neu eingerichteten Radwege kaum weniger gefährlich als zuvor. Sie sind zu schmal und die Auffahrten im Bereich der Haltestellen konfliktträchtig, so dass auf Gerichtsbeschluss hin nun auch wieder der Straßenbereich zwischen den Gleisen genutzt werden darf. Dort teilt man sich aber nach wie vor den Platz mit Bahn und Auto, und die dürfen noch immer 50 fahren – wenn sie können. Das birgt nicht nur Unfallgefahr, sondern befeuert offenbar auch die Lärmdebatte zwischen AnwohnerInnen und Verwaltung.

Auf dem südlichen Abschnitt ist dann ohnehin alles so eng wie gehabt, obwohl nun auch die Kreuzung an der Schwedter Straße im Umbau begriffen ist. Die begonnene Vergrößerung der Gehwege in ihrem Bereich wird die bisher für FußgängerInnen langen Wege über die Verkehrsflächen verkürzen und hilft dem Problem zugeparkter Straßenecken ab. Doch ob die geplante Ampelanlage, deren Schatten die verzinkten Pfosten auf der vor der Fertigstellung stehenden Ostseite voraus werfen, tatsächlich Verkehrserleichterungen herbei führt, darüber besteht keine Einigkeit.

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