Über das Sterben nach dem Tod

Eine Insiderin gibt Einblicke in die amerikanische Begräbnisindustrie

Wir werden alle sterben. Wer das noch nicht wusste, erfuhr es spätestens 2006 aus dem Munde der Berliner Metal Band Knorkator, die nicht für ihren Ernst bekannt ist. Was aber nicht heißt, dass daran nichts Wahres ist. „Bald ist es soweit.“ verkünden die grimmigen Gesellen, und “bald” kann heißen, nächstes Jahr oder hinter der nächsten Ecke.

Obwohl Nachrichten und Filmindustrie unermüdlich Bilder von Mord und Krieg servieren, ist im Alltag das Sterben so wenig präsent, dass man fast glauben möchte, so etwas passiere bestenfalls anderen. Wir leben in einer historischen Periode, in der der Tod mehr oder weniger als Versagen der Medizin zählt, und mancherorts übersteigen die Mittel, die in die medizinische Ablebensverhinderung fließen, die fürs würdige Altern.

Gestorben wurde jedoch zuvor und Sterben wird auch in der Zukunft mit einem überwältigendem Anteil von 100% die Haupttodesursache bleiben. Das sagt Caitlin Doughty, lizenzierte Bestatterin mit Diplom in Geschichte der Hexenprozesse und Berufserfahrung in Einäscherung.

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Die Einunddreißgjährige liefert mit ihrem Buch, dessen Originaltitel vielleicht nicht zufällig an einen Musicalhit aus den 1930ern erinnert, aufklärende Einblicke in ein Territorium, das einem in der Regel erst im Falle eines Sterbe­falles seine Existenz aufdrängt. Ihr nüchterner Umgang mit allen technischen, wirtschaftlichen und ethischen Details rund um den Tod kann aber das Treffen einer bewussten Wahl erleichtern, bevor man selbst akut betroffen ist.

Doughtys Karriere und ihr Buch beginnen in einem kalifornischen Krematorium, dessen Geschäftsalltag sie aus Erfahrung schildert. Die Dahingeschiedenen, deren Bekanntschaft sie uns machen lässt, haben Namen und Angehörige. Sie starben durch Krankheit oder Unfall, Selbstmord oder Drogenüberdosis. Unter ihnen sind Dicke der Größe 8XL und Gestorbene im fortgeschrittenen Stadium der Verwesung, tot Geborene, die in Kartons aus Krankenhäusern abgeholt werden müssen, und losgelöste Körperteile, die der Wissenschaft dienten und vom Fahrdienst angeliefert werden. Gleichzeitig erkundet jede Episode eine andere Region des Sterbeterrains.

Haben Sie sich beispielsweise je gefragt, was beim Einäschern mit den Knochen oder Herzschrittmachern passiert? Oder ob die Toten wirklich so aussehen wie im Film und, wenn ja, warum? Hier sind die Antworten. Themen wie die Unsterblichkeit der Seele, Himmel und Wiedergeburt überlässt die Autorin hingegen anderen, denn das “Spirituelle” ist gar nicht ihre Passion.

Caitlin Doughtys Sinn für die Komik aller Dinge, die das Leben – und der Tod – so mit sich bringen, kommt ohne Zynismus daher und verleiht der Wendung „morbider Charme“ völlig neue Bedeutung. Er erleichtert die Auseinandersetzung mit der Realität des Todes und der Industrie, die davon lebt, versteckt sie aber nicht.

Ihr Hang zur Skurrilität findet auch in ihrem Youtube-Kanal Ask A Mortician Ausdruck. Unter den Beiträgen finden sich unter anderem wertvolle Hinweise auf ökologisch sinnvolle Formen des Umgangs mit den sterblichen Überresten.

Nachdem sie selbst genug gesehen hatte, gründete die Autorin vor einigen Jahren The Order of the Good Death und machte  sich gemeinsam mit KünstlerInnen und weiteren Gleichgesinnten auf, die amerikanische Kultur von ihrer Todesangst zu befreien. Ganz ohne Subkultur, Tattoos und Grufti-Outfit.

Weiterführende Hinweise zum Umgang mit dem Tod in der Welt kann der Dokumentarfilm Rest in Peace von Andrea Morgenthaler aus dem Jahr 2010 geben. Nach einer Nachtvorführung im deutschen Fernsehen jahrelang nur auf DVD erhältlich, erlebte er im Dezember 2015 seine Kinopremiere. Zur Terra Incognita des deutschen Begräbniswesens befragen Sie Ihren Bestatter.

Fragen Sie Ihren Bestatter: Lektionen aus dem Krematorium von Caitlin Doughty erscheint im Januar 2016 bei C.H. Beck. Im Interesse des Überlebens Ihres lokalen Buchladens, der unabhängigen Verlage und der AutorInnen aller Welt wird Amazon-Abstinenz empfohlen.

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