Die Wiederentdeckung des Reparierens

Im Repair-Café Wedding werden einmal monatlich alte und neuere Gebrauchs­gegen­stände vor dem Wegwerfen bewahrt. Die Wiederentdeckung des Reparierens bringt Menschen aus der Nachbarschaft zusammen.

Durch die offene Stahltür im Souterrain des Ziegelhauses dringt Stimmengewirr. Geruch von frisch durchgelaufenem Maschinenkaffee zieht durch die Werkstatt. Am Donnerstag­nach­mittag, zehn Minuten nach Öffnung, ist sie bereits gut gefüllt. Acht oder neun Menschen im Alter zwischen zwölf und 80 Jahren mit und ohne Migrationshintergrund sitzen auf bunt zusammen gewürfelten Hockern und Bürostühlen um zwei Tischrondelle. Eines scheint für Haushaltgeräte reserviert zu sein. Das andere ist mit Notebooks verschiedener Fabrikate und Altersklassen bedeckt. Zwischen beiden steht ein silber­farbenes Damenfahrrad auf Lenker und Sattel, an der Fensterwand lehnt ein schwarzes Herrenrad.

Schräg rüber vom Eingang gibt es eine Küchenzeile und eine Tür zur behinderten­gerechten Herrentoilette, die beiden Geschlechtern dienen muss. Entlang der übrigen Wände reihen sich Regale und Arbeitsplatten mit Kisten voller Werkzeuge und Verteiler­stecker aneinander.

Eine junge Frau mit roten Wangen und blonden Locken begrüßt Hereinkommende und fragt freundlich nach dem Anliegen. Es könne Wartezeiten geben, bis der jeweilige Helfer mit Expertenwissen frei ist, sagt sie. Sie bietet Kaffee, Kekse und einen Sitzplatz an.

Sie heißt Antonia und macht ein Freiwilliges Soziales Jahr Kultur bei der gemein­nützigen GmbH “Die Wille”, die einmal im Monat das Repair-Café Berlin-Wedding auf dem Gelände des Paul-Gerhardt-Stifts in der Müllerstraße 56 veranstaltet.

Die Initiative der Repair-Cafès startete 2009 in Amsterdam und hat sich inzwischen weltweit ausgebreitet.
Im März eröffnete das ein­tausendste, wieder in den Niederlanden.
In Berlin gibt es sie in jedem Bezirk.

Nicht alle, die hierher kommen, denken an die Umwelt, das Klima oder Kinder im Kongo, die für einen Dollar den 12-Stunden-Tag das Kobalt abbauen, das zum Beispiel in den Lithium-Ionen-Akkus von Smartphones oder Notebooks landet. Manche haben einfach das Wegwerfen satt, hängen an ihren Sachen oder wollen mit anderen zusammen etwas Sinn­volles tun. Wieder andere könnten sich eine kosten­pflich­tige Repa­ratur oder ein neues Gerät nicht leisten.

Ein älteres Ehepaar am Tisch neben dem Eingang hat eine Stehlampe dabei und eine Liste vom Sohn, der keine Zeit hat, selbst zu kommen. “Es steht alles drauf, was gemacht werden muss”, sagt der Gatte mit größter Selbstverständlichkeit zu Herrn Eichholz, der hier ohne Lohn und aus Überzeugung elektrische Geräte repariert und auch das Cafè leitet. „Kommen Sie auch ins Haus?“, fragen sie noch. Sie wohnen um die Ecke. Höflich verneint der junge Mann, der im Alltag Sozialpädagogik studiert und seit 10 Jahren Menschen mit Problemen hilft, wieder auf die Beine zu kommen.

“Der Grundgedanke der Repair-Cafès ist: selber machen, sich helfen lassen und Menschen treffen”, erklärt Antonia, „auch wenn es bei großem Andrang schneller geht, wenn die ehrenamtlichen Helfer die Sache in die Hand nehmen.“ Anspruchsdenken habe sie schon öfter erlebt. Manche schimpften, wenn es lange dauere, oder wollten ihre Geräte da lassen und sie fertig abholen.

Neben dem umgedrehten Fahrrad kniet eine drahtige alte Dame mit weißen Haaren, in grauer Arbeitsjacke und Jeans. Die Kette ist gerissen. Eine neue lugt aus einem Zeitungspapier auf dem Boden. “Seit 60 Jahren sitze ich auf dem Rad”, sagt die Rentnerin. “Ich habe es immer selbst repariert. Muss man, wenn man so lange fährt. Die Kette hatte ich schon geflickt, aber es hält nicht. Irgendwann kann man doch nicht mehr alles.” Sie zieht den Lederhandschuh von ihre rechten Hand und hält sie hoch. Die leicht gekrümmten Finger sind offenbar die Schuldigen. Ein stattlicher Mensch mit dunklen Haaren, der sich als Orhan vorstellt, baut das Hinterrad heraus und erklärt den Fehler. „Kann nicht sein“, entgegnet die alte Dame energisch, und es entfaltet sich ein freundschaftlicher Disput, der für die Dauer der gemeinsamen Aktion anhalten wird.

Notebooks könnten länger halten und modular aufgebaut sein.
Häufige Fehlerquellen in Notebooks: Netzteil, Akku, Hauptplatine und Bildschirm, Scharniere, Festplatte, Arbeitsspeicher und Grafikchip. Quelle: Ökoinstitut Freiburg. Foto © Sc

Am Tisch im hinteren Teil der Werkstatt frickelt ein Zwölfjähriger mit schwarzem Lockenkopf an einem Laptop. Er hat ihn von seinem Onkel übernommen und darf ihn behalten, wenn er ihn zum Laufen bringt. „Es ist bestimmt die Soundkarte“, vermutet er und wühlt in der Box auf dem Tisch nach einem passenden Werkzeug. Nach kurzer Zeit liegen die Platinen neben dem Touchpad frei. Der Laptop ist von 2008, genau wie der von Carmen (58), die gegenüber sitzt und darauf wartet, dass jemand Zeit hat, das gebrochene Scharnier auszutauschen. Sie hat es im Internet besorgt. “Selbst trau‘ ich mich an das Gerät nicht ran”, sagt sie. Sie glaube auch, dass Hersteller absichtlich Fehler einbauen.

Manipulation an Teilen habe er noch nicht gesehen, sagt der Spezialist am Tisch, aber man könne nicht alles erkennen. Einmal im Monat verlängert er ehrenamtlich die Nutzungsdauer von Computern und Smartphones. Er ist um die 50, nicht redselig und hat beruflich mit Software zu tun. “Firmen tauschen ihre Hardware alle drei Jahre aus. Das kann man mitmachen, muss man aber nicht.” sagt er trocken. 2014 betrug der Umsatz der deutschen Werbewirtschaft 25,25 Milliarden Euro, schreibt der Zentral­verband des Sektors auf seiner Webseite. Nicht jeder kann da widerstehen.

Während sich der schweigsame Elektronik-Experte durch insgesamt vier Notebooks arbeitet und dem Jungen neben sich bei der Fehlersuche hilft, wandern über den vorderen Tisch Staubsauger, ein antikes Telefon, mehrere Lampen, eine Lichterkette, eine elektrische Zahnbürste und ein Toaster mit einem Plastik-Kuhkopf, der diverse Kommentare hervorruft. Manche Eigentümer wagen sich selbst ans Werk, einige lassen sich in die Projekte der Nachbarn verwickeln und vergessen das eigene. Die meisten leben in der Nachbarschaft.

Orhan ist fertig und das Fahrrad der alten Dame eineinhalb Stunden nach Beginn der Aktion wieder auf den Füßen. Mit einem strahlendem “Danke!” fragt sie, was es kostet. Es kostet nichts. Geben möchte sie trotzdem etwas. Sie gibt ihm einen Händedruck, der sich gewaschen hat, eine Umarmung mit Küsschen auf die Wange und geht zur Spendenbox. Spenden sind willkommen. “Das passiert öfter.” sagt der Mittvierziger mit einem rosa Schimmer über dem Gesicht. Fahrräder ganz machen liebe er über alles. Er halte auch unterwegs und helfe Radlern mit Problemen.

Orhan kam vor 30 Jahren mit den Eltern aus der Türkei. 17 davon wohnt er im Wedding, “der besten Gegend in Berlin”. So lange hat er auch sein Fahrrad, das schwarze am Fenster. “Damals hat es 5.000 D-Mark gekostet,” sagt er, aber die Investition habe sich gelohnt. Es ist sichtlich in Schuss. Vor Schluss gehen noch zwei weitere Drahtesel durch seine Hände. Licht und Bremsen führen die Liste an.

Der Junge mit dem Laptop packt ein. Es lag an der Software, der Fehler ist behoben. Die Zahnbürste freilich ist nicht zu retten. Sie ist ein echtes Billigprodukt mit eingeklebtem Akku. “So etwas können die Leute hier lassen”, sagt Eichholz. Die Reparaturquote schätzt er auf etwa 80 Prozent. Von den übrigen 20 lasse sich einiges noch als Ersatzteillager verwenden, der Rest werde artgerecht entsorgt. Er ist zufrieden mit diesem Nachmittag.

Geplante Obsoleszenz:
Der Begriff Obsoleszenz hat lateinische Wurzeln und bedeutet etwa, sich abnutzen, überaltern, an Wert und Ansehen verlieren. Obsolet werden oder ausgedient haben, verschleißen oder veralten können Geräte und Technologien, aber auch Regeln, Gesetze und Denkweisen.

Im Auftrag des Umweltbundesamts gingen Wissenschaftler des Ökoinstituts Freiburg und der Universität Bonn dem Verdacht der geplanten Obsoleszenz nach. Laut ihrer Studie vom März 2016 gibt es keine Belege dafür, dass Hersteller dem Verschleiß von Haushaltselektronik bereits bei der Herstellung nachhelfen. Produktalterung sei nicht eindimensional zu sehen, heißt es weiter. Viele Geräte würden zudem neu gekauft, bevor sie kaputt gehen. Die Resonanz bei Medien, Umwelt- und Verbraucher­verbänden ist unterschiedlich.

Der Dokumentarfilm Kaufen für die Müllhalde von Cosima Dannoritzer informiert über Hintergründe und Geschichte der Obsoleszenz. Er lief bereits 2011 auf Arte.

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